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Der erste Computervirus: Eine kurze Geschichte von Brain (1986)

Wie zwei Brüder den Beginn einer neuen Ära der digitalen Bedrohungen einläuteten

Lange vor Ransomware und Phishing gab es Brain – den ersten Virus, der sich massenhaft auf PCs verbreitete. Seine Geschichte ist weniger eine der Böswilligkeit als eine Geschichte unbeabsichtigter Konsequenzen.

In einem Elektroladen in Lahore, Pakistan, schrieben zwei Brüder ein kleines Programm, das die Welt der Computerviren veränderte. Nicht, weil es besonders zerstörerisch war, sondern weil es 1986 als erstes seiner Art auf dem damals noch jungen PC-Markt eine globale Verbreitung hatte.

Ein Kopierschutz, der sich verselbstständigte

Basit und Amjad Farooq Alvi betrieben in Lahore einen Softwarehandel und hatten ein kleines Problem: Ihre selbst entwickelten Programme wurden kopiert und weitergegeben, ohne dass sie davon profitierten. Als Reaktion schrieben sie ein Programm, das sich auf Disketten kopierte und dabei eine Warnmeldung hinterliess – einschliesslich ihrer Telefonnummer, falls jemand eine legitime Kopie erwerben und das Virus löschen wollte.

Dieser Ansatz war zwar kreativ, aber nicht zu Ende gedacht. Die Disketten mit dem Programm, das sie "Brain" nannten, verbreiteten sich weit über ihren ursprünglichen Zweck hinaus: Wer eine infizierte Diskette in einen anderen PC einlegte, übertrug das Programm unfreiwillig weiter. Innerhalb kurzer Zeit tauchte Brain in Universitäten und Büros in Europa und in den USA auf – ohne dass die Brüder das beabsichtigt oder auch nur erwartet hätten.

Was Brain tat – und was nicht

Im Vergleich zu dem, was später als Malware bekannt wurde, war Brain verhältnismässig harmlos. Es verlangsamte befallene Systeme und belegte Speicherplatz auf Disketten, zerstörte jedoch keine Daten und griff keine Systemdateien an. Die Warnmeldung, die es hinterliess, enthielt sogar die vollständigen Kontaktdaten der Entwickler – eine Offenheit, die schwer vorstellbar ist, wenn man an heutige Schadsoftware denkt.

Trotzdem war Brain der erste Virus, der im technischen Sinne alle Merkmale erfüllte, die man heute damit verbindet: Er kopierte sich selbst, verbreitete sich über externe Datenträger und konnte von Nutzern nicht ohne Weiteres entfernt werden.

Die unerwarteten Reaktionen

Was folgte, war fuer die Brüder überraschend: Anstatt Anfragen für legitime Softwarekäufe zu erhalten, klingelten in ihrem Laden Telefone aus der ganzen Welt – verärgerte Nutzer, neugierige Journalisten und bald auch IT-Sicherheitsexperten, die verstehen wollten, wie sich das Programm verbreitet hatte.

Die Geschichte von Brain markiert damit nicht nur den Beginn der PC-Viren-Ära, sondern auch den Beginn von etwas Neuem: In den folgenden Jahren kamen Antivirenprogramme auf den Markt. Zunächst wurden sie als Nischenprodukte für technikaffine Nutzer, später dann als Standardausstattung für jeden PC verkauft.

Was diese Geschichte heute noch erzählt

Vier Jahrzehnte nach Brain ist die Welt der digitalen Bedrohungen unvergleichlich komplexer geworden. Aus einem einfachen Kopierschutz-Experiment sind hochprofessionelle Angriffe geworden, die von organisierten Gruppen mit klaren finanziellen oder politischen Zielen durchgeführt werden. Die technischen Mittel haben sich vervielfacht, die Einfallstore sind breiter geworden, und die wirtschaftlichen Schäden sind längst in Milliardenhöhe.

Was geblieben ist, ist die Grunddynamik: Software verhält sich nicht immer so, wie sie gemeint war – und Netzwerke verbreiten Dinge schneller, als es irgendjemand vorhersehen kann. Das war 1986 neu und überraschend. Heute ist es der Ausgangspunkt für jede ernsthafte Auseinandersetzung mit IT-Sicherheit.

Brain war kein Angriff im eigentlichen Sinne – und genau das macht seine Geschichte so aufschlussreich. Es zeigt, dass digitale Bedrohungen nicht immer böswillig beginnen müssen, um echten Schaden anzurichten. Die Lehre daraus ist weniger eine technische als eine konzeptionelle: Wer Systeme und Netzwerke versteht, denkt immer auch darüber nach, wie sich Dinge verbreiten können – und was das bedeutet, wenn sie es tun.

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